Event

HH

Um den hohen kulturpolitischen Anspruch unserer Bildungsreise nach Hamburg zu unterstreichen, wurde ein Lyrikwettbewerb veranstaltet, dessen schönstes Ergebnis ich an dieser Stelle zur Einleitung präsentieren möchte:

Mensch und Reiher (von Christian Maintz)
Im Elbedampfer sitzt Herr Meier,
am Elbeufer steht ein Reiher.
Herr Meier sieht den Reiher an,
der Reiher sieht Herr Meier an.
Der Reiher putzt sich das Gefieder,
Herr Meier schaukelt auf und nieder.
Der Reiher überfliegt die Elbe,
Herr Meier reihert in die selbe.

Tag 1:
Natürlich ist die Unterstützung von Kultur und Sport für jedes SSV Mitglied nicht bloß satzungsmäßige Verpflichtung, sondern gelebte Herzensangelegenheit. Aus diesem Grund wurde meine Forumsbitte zur Bereitstellung von 1, 2 Fäßchen Bier für unseren Ausflug auch mit dem Hinweis abgeschmettert, dass doch eines für die Bahnfahrt dicke reichen würde, um unsere hervorragende Kondition nicht zu gefährden. Übrigens von Achim, der mit der Bahnhofsausfahrt das erste Fäßchen anstach und in Naumburg nach dem (glücklicher Weise mitgebrachten) Zweiten griff ...
Der Zug war pünktlich, unsere Platzreservierungen auffindbar und alle Mann an Bord.

Professionell, wie wir bekannter Maßen sind, wurde auch die Bahnfahrt nicht müßig vertan, sondern zur Schulung unserer Treffsicherheit und (Finger)Athletik genutzt.

Ein Bier gab das andere, die Landschaften zogen an uns vorbei und zu unserer größten Überraschung kamen wir PÜNKTLICH in Berlin an. Hier war ein Treffen mit unserem alten Freund Timo geplant, den wir vor einem Jahr nach Berlin delegiert hatten, um dort als Fackelträger des SSV die dortige Vereinsmeierei zu unterwandern. Leider hat Berlin Timo nicht gut getan. Das war von vorn herein zu befürchten, es erleben zu müssen ist aber trotzdem schmerzhaft.

Eine fassbare Begründung für sein Nichterscheinen wäre Krankheit, ein Unfall oder halt ein Terroranschlag gewesen - aber kaum kaschierend von Vergessen zu sprechen, hat der SSV einfach nicht verdient. Früher gab es dafür Klassendresche, aber als Kulturtäger schlagen wir einen Stiefel in der "Schönen Aussicht" zur Entschuldigung vor.
Wir nutzten die Stunde Aufenthalt in Berlin, um bei schönstem Sonnenschein bayrische Weißwurst und gleich gefärbtes Bier zu konsumieren. Die an sich klare Ansage: "Jetzt gehen wir alle noch mal pullern und dann gehts weiter." wurde gleich doppelt torpediert. Denn erstens sollte der Anschlußzug 30 Minuten später kommen und zweitens kam Schauspieler Peter nicht vom Klo zurück. Kundschaftertrupps wurden ausgeschickt, um unser Vereinsmitglied aus welcher Lage auch immer heraus zu hauen, aber der Fakt blieb bestehen: Peter blieb weg. Der Zug kam, wir stiegen ein - Peter nicht. Der Zug fuhr los und noch immer kein Peter in Sicht. In dieser verzweifelten Situation wandte sich unser Kassenwart per Liveschaltung mit einem eindringlichen Appell an die Öffentlichkeit.

http://www.youtube.com/watch?v=bXe6wCf44_I

Wie man es schafft, einen Zug zu verpassen, der 30 Minuten verspätet abfährt, dessen Eintreffen und Abfahren mit entsprechenden Durchsagen angekündigt und durch Infoterminals bekannt gegeben wird ... ich weiß es nicht. Aber eine Erfahrung machte der SSV hier, die sich für kommende Trips sicher auszahlen wird: man sollte alle Teilnehmer-Handynummern im Vorfeld einsammeln.
Über den telefonischen Umweg Willy, bekamen wir wieder Kontakt zu Peter und er trudelte später mit dem Folgezug ein. Wir waren zwischenzeitlich von Adrian am Hamburger Hauptbahnhof abgeholt und in unser kleines beschauliches Hotel begleitet worden. Das lag fußläufig absolut günstig und war komfortabler als befürchtet.
1. Tagesordnungspunkt und gleichzeitig Sinn und Höhepunkt unseres Hamburgtrips sollte ein sportlicher Vergleich mit der regionalen Fußballerszene sein. Ich selber hatte einige Vereine angeschrieben, die sich entweder gar nicht erst meldeten, oder aber absagten, wie dieser Verein hier: "zärtliche Cousinen", der zwar eine sehr schön gestaltete Homepage hat, aber leider nicht spontan genug agiert.

Aber kein Problem. Adrian, als geborener Hamburger, hatte früher eh Fußball gespielt und brauchte bloß seine alten Kumpels zu aktivieren. Merkwürdiger Weise waren auch die alle indisponiert, so dass wir unseren letzten Trumpf: Schauspieler Peter, zogen. Er hatte einige Jahre in Hamburg gelebt und kannte daher diesen und jenen. Alles spontane Künstler, die pünktlich 18 Uhr im erwählten Sportpark, heiß auf den Fight, zum Auflaufen bereit stehen würden. Also trödelten wir nicht, sondern packten unsere Sportsachen und fuhren in Richtung Altona, um die Sportstätte in Augenschein zu nehmen, uns danach am Elbstrand das erste Fischbrötchen rein zu pfeifen, uns mit Beachsoccer noch etwas vorzubereiten und dann in SSV Kampfmontur dem Gegner in die Augen zu sehen.

Leider sahen wir keinen Gegner - dachten wir jedenfalls kurz, da von Peters Freunden niemand da war. Allerdings spielten allerlei Burschen ohnehin Fußball und da der Thüringer das geselligste Wesen auf der Welt ist, wurde jeder verfügbare Fußballer Altersklassenunabhängig umgehend mit roten Leibchen ausgestattet und in die Teams integriert. Es wurde ein wundervolles Fußballspiel, bestens kommentiert von Achim und Jens, die sich statt mit Fußball lieber mit der lokalen Braukunst auseinander setzten.
Wir waren ein Vorbild für jeden Streetworker, da es uns gelungen war, jede Sprach-, Alters- oder Könnensbarriere durch das verbindende Element des Sportes zu beseitigen. Die Jungs waren glücklich, uns machte es Spaß und dieses großartiges Spiel endete nach 2 Stunden unter Freunden. Warum der Staat Milliarden in Sozialprojekte investiert, statt für 2 € ein Leibchen und zusätzlich einen Ball zur Verfügung zu stellen, sollte mal hinterfragt werden.

Nachdem wir also dem SSV Ruhm & Ehre eingebracht, der Völkerverständigung den entscheidenden Kick gegeben und den sozialen Frieden in Hamburg für die nächsten Jahre sicher gestellt hatten, konnten wir uns nun dem Genuss hingeben.
Zur „Strandperle“ war es nicht weit. Sie lag direkt an der Elbe, bot ein Bier, eine tolle Aussicht und Wohlfühlgarantie. Da der Kaiser nicht dabei war, wurde diesmal auf die Spielanalyse verzichtet, so dass wir einfach bloß am Strand saßen und den vorbeiziehenden Schiffen nachhingen. Adrian schlug für den Abend einen Besuch im Gröninger vor, dem ältesten Hamburger Brauhaus und natürlich ließen wir uns nicht lange bitten.
Einer der vielen Vorteile an Adrian ist z.B., das er sich wirklich sehr gut in Hamburg und vor allem auch im Hamburger Nahverkehr auskennt. Virtuos kombinierte er Fähren und Bahnen - das spart wirklich Zeit, sei den Berlinfahrern berichtet.
Das Gröninger liegt schön in der Altstadt, ist ein riesiger Gewölbekeller, ist voll und laut und bietet zwar nicht so exklusive Speisen, aber dafür inflationäre Preise fürs Bier. 75 € für ein 10 Literfaß Bier, und der Spaß war: das rechnete sich. In Gläsern ausgeschenkt, war es noch teurer. Als Sparfüchse teilten wir uns in ein Faß rein, genossen den Anblick der Kellnerinnen, die offensichtlich nach der Vorliebe des Betreibers für gut sichtbare weibliche Merkmale ausgewählt waren und schwatzen bis tief in die Nacht, denn überraschender Weise war es das mittlerweile geworden. Also auf zum Hotel und noch einen kleinen Absacker im Cafe, gleich gegenüber. Hier gab es Guinness mit Port (?), was auch wirklich getrunken wurde und für mich einen Gin Tonic. Gegen 1/2 3 gings zu Bett und ob ich den Wettkampf des sofortigen einschlafens gewonnen habe, kann ich nicht beweisen, denn ich schlief bereits.

Tag 2:
Das Hotel Bee Fang klingt nicht nur Chinesisch, sondern wird auch von solchen betrieben. Das ließ uns für´s Frühstück schwarz sehen, doch glücklicher Weise war das unbegründet. Alles da, was gebraucht wurde und so konnten wir gestärkt ins Sightseeing starten. Hamburg ist wirklich sehr schön und man kann es gut zu Fuß erkunden. Zusätzlich ist der Hamburger überraschend liberal. Jens hatte nämlich sein Gladbach Shirt angezogen und lief damit todesmutig durch die Stadt. Aber den Hamburger stört das nicht, oder die hatten eine beschissene Saison.
Wir liefen über die Außenalster zur Innenalster, weiter zum Rathaus, Gängeviertel und zur Kirche Sankt Michel, wo die ersten Pflasterlahmen in eine anrainende Kneipe einkehren mußten, während Thomas und ich den Aufstieg auf den höchsten Turm der Stadt per Treppen wagten.
Der Wetterbericht hatte uns auf eher durchwachsene Zustände vorbereitet, so dass wir genügend Sachen an hatten, denen wir uns Treppe für Treppe entledigen konnten. Ein toller Ausblick entschädigte für den Schweißverlust. Und weiter ging es zur fast fertigen Elbphilharmonie, der Speicherstadt und der neuen Hafencity. Hier fand ich, passend zum Mittag, mein tägliches Fischbrötchen. Nun gings zum Stadion und Adrian lotste uns in die entsprechende Hochbahn. Wir wollten eine Stunde vor dem Spiel ankommen, denn ein ausverkauftes Haus ließ auf längere Einlaßzeiten schließen. Diese Idee hatten allerdings auch alle anderen Stadionbesucher und unter Vernachlässigung jedweden Taktgefühls und der Aufgabe auch geringster hygenischer Distanz drängelten wir in die ohnehin total überfüllte Bahn. Mehrmals versuchte der Schaffner die Türen zu schließen, aber immer klemmte Traugott oder Thomas quer dazwischen. Irgendwann hatten sie sich dann doch den letzten Platz erkämpft und wurden bis zur Endstation dafür von den Umstehenden angegiftet. Ein Mädchen neben mir und dem Schauspieler war so ekelhaft, das man beinahe den Appetit aufs weibliche verloren hätte. Dazu mein mittlerweile total gequetschtes Fischbrötchen im Magen ... fast hätte eine inverse Peristaltik uns doch noch Platz geschaffen. Ging aber gerade noch mal gut und der anschließende Marsch zum Stadion führte kilometerlang durch einen Park – genug Zeit, um wieder Frischluft zu tanken. Der Einlaß ging dann doch recht fix, außer bei Achim, der ein kleines Präsent eingekauft hatte, das die Ordner für die Dauer des Spieles in ihre Obhut nahmen.
Im Stadion gab es ein wenig Vorprogramm, unter anderem das Lied, dass ich schon seit Jahren singe, wenn Adrian zum Training kommt. Ich glaube, dieses singen überzeugte ihn dann auch, mit uns den Hamburgtrip zu wagen. Ich meinte es offensichtlich ernst.

http://www.youtube.com/watch?v=q38pccLc9Pw

Das Spiel war gar nicht schlecht. In der ersten Halbzeit gab es viel Druck von Gladbach und folgerichtig ein frühes Tor. Deren Anhänger rockten das Stadion und Jens strahlte wie Fukushima. Nach dem Wechsel gings andersrum und als der HSV zum Ausgleich traf, zeitgleich Frankfurt in Dortmund führte und Wolfsburg auch 3 Punkte sicher hatte, war Gladbach abgestiegen und Jens starb neben mir einen elenden Tod. Meine Zusicherung, dass Dortmund sich die Meisterfeier nicht versauen lassen würde, legte einen Bypass, der ausreichte, um ihn in die Lage zu versetzen, die Anzeigetafel mit den Spielstandseinblendungen im Auge zu behalten. 3:1 für Dortmund, Gladbach in der Relegation, Puh, das war knapp und rettete Jens das Wochenende. Nach dem Spiel kostete das Bier statt 4 € bloß noch 2,50 €, was in Hamburg ein verdammt gutes Geschäft ist.
Viel Zeit hatten wir nicht. Um 20 Uhr wollten wir auf Sankt Pauli im Schmidts Theater Tivoli ins Musical "Heiße Ecke" und vorher noch einen Imbiss finden.

Die erste Kneipe hieß "Schweinske", war auf der Reeperbahn und total voll. Überhaupt war ganz Sankt Pauli unheimlich voll. Aber da hier eine Kneipe nach der anderen kam, fand sich schnell eine Alternative. Die Zeit wurde knapp, wir eilten ins Theater und hatten gerade noch Zeit, ein Getränk zu bestellen und uns noch einmal umzusetzen, da wir in der Hektik mit den Reihennummern durcheinander gekommen waren - und schon gings los. Bei einem Musical ist man ja immer etwas unsicher: ist es auch nicht zu trivial (?), hoffentlich geht einem die Musik nicht auf den Zeiger, hätten wir nicht lieber was anderes machen sollen ? Aber nein, es war nett, unterhaltsam und gar nicht langweilig. Selbst Schauspieler Peter fand keinen Grund zur Beanstandung. Chapeau.
Das Nachtleben auf Sankt Pauli ist der Hammer. Tausende zogen über die Reeperbahn, es gab public viewing mit kleinen Mädchen und an anderen Ecken große Mädchen mit kurzen Röcken. Wir guckten halt ein bißchen, ohne die Contenance zu verlieren und da ja überall was los war, zogen wir von Location zu Location, bis zu den Fischauktionshallen, wo die größte "Grand Prix de Eurovision" Übertragung lief. Der Altersdurchschnitt wurde durch uns dann glatt auf 15 1/2 gehoben und Lena gewann nicht, aber dafür Aserbaidschan. War uns wurscht, außerdem war es spät und wir seit Stunden auf den Beinen, also return zum Hotel und natürlich vorher noch den obligatorischen Absacker in unserem Stammcafe. Diesmal nahm ich einen Grauburgunder - soviel Stil muß sein. Gegen 3 war dann Schluß. Unglaublich, wie die Zeit vergeht.

Tag 3:
Das Frühstück im Hotel kannten wir noch vom Vortag (mehrdeutig !). Wir checkten aus und zerstreuten uns in alle Winde. Einige wollten unbedingt noch mal auf die Reeperbahn, weil sie glaubten, da muß es doch noch was zu sehen geben. Kann ich verstehen, hatte mich aber vorher informiert. Auch auf unserer Homepage war der Artikel aus dem Merian zu lesen: Viele Hamburg-Touristen machen immer wieder den gleichen Fehler. Sie gehen am helllichten Tag über die Reeperbahn. Genau dann, wenn alles nur grau und schmutzig aussieht, kein einziges Rotlicht erstrahlt und die berühmteste Meile der Hansestadt nicht sündig, sondern trostlos wirkt...

Ich hatte auch einen Reiseführer mitgebracht und las dort, dass der Hamburger am Sonntag Finkenwerderer Maischolle isst. Wir hatten Mai, wir hatten Zeit und waren in Hamburg. Damit stand das Ziel fest. Wir machten die große Hafenfährenrunde nach Finkenwerder und kehrten dort im "Elbblick" ein. Ich bekam eine absolut authentische Finkenwerderer Scholle, Frank und Adrian ihren erhofften Labskaus und Schauspieler Peter entschied sich für einen Bismark - Teller. Dazu ein Jever - das Leben ist schön.
Nun wurde langsam die Zeit knapp und wir eilten, um den Zug nicht auch zu verpassen. Als wir dann aber am Bahnhof waren, teilte uns eine geschlechtslose Auskunftsstimme mit, dass unser Zug ausfällt und ersetzt würde aber dafür dann 30 Minuten später nach Berlin fährt. Also hatten wir viel Zeit für kleine Einkäufe (Skatkarten und Bier) und für die Verabschiedung von Adrian incl. Dank für seine liebevolle Betreuung. Dann kam auch irgendwann der Ersatzzug. Natürlich war für den unsere Platzreservierung gestorben, so dass wir nicht besonders komfortabel bis Berlin am Stehtisch Skat spielten. Die Bahn hatte pfiffiger Weise auch noch den Anschlusszug vor unserer Ankunft los geschickt und so konnten wir noch mal mit viel Zeit bei Mc Doof einkehren und kamen dadurch eine Stunde zu spät in Jena an. Dort warteten die Frauen und wir waren zurück, im Schoß der Familie.

P.S. Hamburg würde ich immer wieder machen.

Hamburg meine Perle

Peter Jerie

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Willy01 Juni 2011, 19:15

Der SSV ist stolz auf die Hamburg- Fahrer, denn es zeigt die super Verbundenheit in unserem Verein!!

Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn die Berlinfahrt dadurch keinen Abbruch erfährt.

Frankie19 Mai 2011, 17:47

Wunderschön geschrieben! Hat allen Spaß gemacht, so muss dass sein... ;-)

Sportlehrer18 Mai 2011, 23:45

Warum du nicht mit Schreiben dein Geld verdienst ist mir ein Rätsel. Klasse Artikel - man könnte richtig neidisch auf euer Erlebtes werden. Ich finde ihr habt unserem Verein alle Ehre gemacht! Hut ab Frau Mütze Bis moin Sportlehrer